‘Erlebnispakete’: Wie erlebbar sind Kriegs-, Waren- und Glaubensangebote

Montag, 04. Juli 2022, 19:00 Uhr

Landeskirchenamt der Lippischen Landeskirche, Leopoldstr. 27, 32756 Detmold

(Parkplatz im Innenhof, Einfahrt über Seminarstraße)

Vortrag: Prof. Dr. Hinrich C. Seeba, Berkeley/Kalifornien

Der Eintritt ist kostenlos.

Interessierte Zuhörer sind herzlich willkommen, eine Anmeldung ist nicht erforderlich, Masken dürfen gern getragen werden, es herrscht keine Maskenpflicht.

Den nächsten Abendvortrag im Programm des Naturwissenschaftlichen und Historischen Vereins für das Land Lippe e. V. hält ein Gast, für den dieser Abend nahezu ein „Heimspiel“ ist: Hinrich C. Seeba (University of California at Berkeley), legt als Germanist den Fokus auf ein brennend aktuelles Thema, nämlich die Sprache in Medien und Werbung:  Der nun schon weit über hundert Tage währende Krieg in der Ukraine könnte auch für die Werbesprache eine ‚Zeitenwende“ bringen, die für viele andere Lebensbereiche z.Zt. geradezu beschrien wird.  Am ersten Kriegstag, als der Raketen- und Artilleriebeschuss die Menschen in Kiew um ihr Leben rennen ließ, wurde der Korrespondent vor Ort gefragt: „Wie erleben Sie aktuell die Lage in der Stadt?“, als handelte es sich um einen Stimmungsbericht aus dem sogenannten Erlebnisbad, als könnte das Unbegreifliche, ein Angriffs- und Vernichtungskrieg mitten in Europa, sobald es erlebbar erscheint, besser begriffen werden. In scheinbar emotionaler Unmittelbarkeit muss alles erlebbar gemacht werden, vom Erlebnis-Abenteuer zum Erlebnis-Zoo. Gesundheit muss erlebt werden, ebenso Schlachtfelder von Verdun, Tschernobyl und der neueste Krieg.

Hier lohnt sich ein kritischer Blick: Eine Erlebnis-Kultur, die alles Fremde, Tabuisierte oder Ungewohnte wie einen Krieg auf ein pädagogisches Niveau kindlichen Verständnisses reduziert, passt zu einem generellen Trend, der in Richtung Verkindlichung erwachsener Menschen führt. Der Verlust kritischer und historischer Distanz kann eine Folge allgegenwärtiger Appelle an eine Erlebnisgier sein, die immer schneller ermüdet und die Diskussion über situationsgerechte, relevante Werte und Handlungsalternativen verdrängt. Politisch aktuell wird das Thema besonders angesichts der Überlegung, dass eine solche Ermüdung emotionaler Identifikation in der westlichen Öffentlichkeit zu den ideologischen Kriegszielen des russischen Staatschefs Wladimir Putin gehören könnte.  Einen Appell an unsere Gesellschaft, sich mit der Rhetorik kommerzialisierter ‚Erlebnispakete‘ kritisch auseinanderzusetzen, formuliert der Referent mit diesem Vortrag.