Heimweh nach Wien und der Ausweg nach Detmold

Montag, 14. September 2026, 19:30 Uhr

Landesarchiv NRW, Abteilung OWL, Willi-Hofmann-Str. 2, Detmold

Vortrag von Hinrich C. Seeba (University of California at Berkeley)

Das Heimweh nach Wien war nicht erst eine Erfahrung der 1938 aus Wien vertriebenen Juden, die nostalgisch auf das Wien des Fin de siècle zurückgeblickt und damit lange das Wirkungsbild der österreichischen Literatur bestimmt haben, sondern schon früher ein Merkmal der Sehnsucht nach der heilen Welt, die mit dem alten Österreich spätestens 1918 untergegangen ist. Zu diesem Erinnerungsbild gehörte auch die zunehmend von Antisemitismus und Dekadenz bedrohte Assimilation des wohlhabenden jüdischen Bildungsbürgertums. Arthur Schnitzler (1862–1931) hat in seinem wohl bedeutendsten Roman „Der Weg ins Freie“ (1908) zwei Auswege aufgezeigt und unterschiedlich bewertet, eher negativ den zionistischen Weg nach Palästina, den der jüdische Dichter Heinrich Berman nicht einschlägt, und viel positiver den künstlerischen Weg nach Detmold, den die Hauptgestalt des Romans, der Komponist Georg von Wergenthin, als dritter Kapellmeister an der Hofoper Detmold wählt, um sich wenigstens beruflich zu engagieren. Dieser Hoffnungsblick aus der Zweimillionenstadt Wien auf die kleine Provinzstadt Detmold bietet im Jahr 1898, also mitten im vielgepriesenen Wiener Fin de siècle, eine ganz erstaunliche Alternative an, die nicht nur unser lokalpatriotisches Interesse verdient. Er kann auch als Korrektur des oft nostalgisch verklärten Sehnsuchtsorts Wien verstanden werden.