Der Mäusebussard

Dem Bussard in den Horst geschaut

„Das arme Auto“ denke ich, als sich der Kombi den Feldweg zwischen Maisäckern hochquält. Er ächzt ein wenig, doch sein großer Bruder ist in der Werkstatt, jetzt muss er auch die Schwerarbeit übernehmen. Zwei Kurven, bloß nicht seitlich weg rutschen. Nebenan geht es ein paar Meter tief in eine ehemalige Mergelkuhle. Noch 80 Meter über eine Wiese - hier haben Trecker glücklicherweise Spuren vorgeprägt.

Aus dem Schutzkoffer nehme ich die durch Monitor, zwei Antennensysteme und vielen Kabel etwas verwirrende Fernbedienung. Batterie dran - der Monitor leuchtet auf - gut. Dann wird die Funkanlage hochgefahren. Jetzt keinen Fehler machen und die richtigen Knöpfe in der entsprechenden Reihenfolge drücken. Der Monitor wird kurz schwarz - das war früher immer eine Schrecksekunde. Doch ich habe mich dran gewöhnt. Plötzlich ist die Übertragung auf den kleinen Bildschirm da. Jedes Mal freue ich mir in diesem Augenblick ein Loch in den Bauch.

Da hocken sie, zwei Federbälle in ihrem mit Grünzeug geschmückten Horst. Zwischen den Daunen der jungen Bussarde sprießen bereit die dunkleren Federn.

Der Regen setzt ein - und Mama Bussard landet. Sie hat zwar keine Maus mitgebracht, ist den Jungen aber als Regenschirm willkommen. Beide schon recht große Küken stecken den Kopf unter die Schwingen der Mutter. Viel mehr geht nicht, sie sind schon zu dick. Mama muss sich gut festhalten, damit sich dabei nicht aus den Horst geschubst wird.

Erst mal passiert nichts. Regentropfen prasseln auf die Tiere und klopfen auf die Windschutzscheibe. Wassertropfen perlen über Federn und am Schnabel der Bussardmama herunter. Die Augen halb geschlossen, erträgt sie stoisch das Wetter.

Mir fallen bei dem Anblick fast die Augen zu. So versuche ich mich daran zu erinnern, wie das Projekt „Mäusebussard“ begann. Damals, das ist inzwischen mehr als acht Jahre her, waren lippische Rotmilane die Protagonisten vor der Kamera. Damals regte der Kreis Lippe das Projekt an. Jörg Westphal von der unteren Landschaftsbehörde hatte den Film von Sarah Herbort und mir begleitet. Ihm liegt das Wohl und die Erforschung der Greife am Herzen. Irgendwann entstand die Idee, mal einen genaueren Blick auf den häufigsten Greif in unseren Breiten zu werfen, den Mäusebussard.

Buteo buteo, wie er wissenschaftlich heißt, kennt man. Vor allem wenn er auf Masten oder Ästen, auf Pfählen oder Leitpfosten am Straßenrand sitzt. Dann hält er mit scharfen Augen Ausschau nach Mäusen. Oder nach etwas anderem Fressbaren. Das können auch mal Großinsekten oder auch Aas sein. Er gehört damit zu der Gesundheitspolizei der Tierwelt. Kadaver werden von einer ganzen Reihe von Tieren schnell weg geräumt. Gut für Landwirte, denen ein totes Tier die Heusilage verderben könnte. Oder um Ausbreitung von Krankheiten zu verhindern. Dabei ist der Appetit des Bussards auf Mäuse nicht nur legendär, sondern auch äußerst nützlich. Neben Füchsen und Eulen gehört der Greif zu den zuverlässigsten Nagerjägern.

Der Regenschauer ist inzwischen abgeklungen. Die Jungen putzen sich. Ein Knopfdruck, die Kamera läuft. Im Gegensatz damals zu Rotmilan eine ganz neue Technik. Heute wird über Funk eine hoch auflösende Kamera gesteuert, die selbst kleiner als eine Zigarettenschachtel ist. Sie nimmt Bilder in nicht gekannter Detailtreue auf. Die Technik dafür habe ich selbst entwickelt. Kamera, Empfänger für die Funksignale, der Transmitter für die Bildübertragung - alles steckt wasserfest in einer kleinen Tupper-Box. Das System ist schwenkbar, ich kann in das Bild hinein zoomen. Einziges Manko: Der Kameraufzug rastet oben nicht in seine Magnethalterung ein. Ein Ast hat sich erdreistet, in die Technik zu wachsen. Und nochmal den Horst zu erklettern möchte ich den Bussarden nicht zumuten.

 

 

Mit ein wenig Glück und der richtigen Stellung der Kamera schwingt das System auch bei Wind nicht so stark - es können auf jeden Fall erste Aufnahmen entstehen.

 

 

Schon der Beginn des Projektes war schwierig. Ein Kletterer hatte im vergangenen Jahr an zwei viel versprechenden Bussadhorsten Kameraaufhängungen angebracht. Zusammen mit Kameraassistentin Tina Lück waren die Kameras installiert und auf Funktion getestet worden. Doch auf den übertragenen Bildern gähnte uns immer wieder ein leerer Horst entgegen.

In diesem Jahr haben wir es mit vier Horsten versucht. Die müssen aus einem guten Dutzend Nestern erst einmal ausgewählt werden. Verschiedene Faktoren spielen eine Rolle, wenn geklärt wird, ob sie sich für die Kamerainstallation eignen. Bei einem war es einfach, es war ein Horst, der noch aus dem Rotmilanprojekt eine Kameraaufhängung hatte. Und die funktionierte nach acht Jahren noch perfekt.

Bei der Kontrolle im Mai herrschte an drei Stellen wieder einmal gähnende Leere. In Horst Nummer vier lagen zwei Eier. in Lichtblick. Würde es nun endlich klappen? Der Mai ging seinem Ende zu, da waren es immer noch zwei Eier. 33 bis 35 Tage soll die Brut dauern. Eigentlich wird oft schon im April gelegt - ich fürchtete, dass die Eier nicht befruchtet oder eingegangen waren.

Anfang Juni wollte ich es noch einmal wissen. Ein ganz neues Kameramodell wurde mit einer Art Seilzug zum Bussardhorst hochgezogen. Welch eine Erleichterung, da saßen wirklich zwei kaum zwei Tage alte Küken. Jetzt schienen die Dreharbeiten doch noch beginnen zu können.

Ich konzentriere mich wieder auf die Gegenwart. Geduld ist gefragt. Denn es kommt zwar schon mal vor, dass sich die Kleinen räkeln. Aber das habe ich bereits im Kasten. Meist passiert jedoch nichts. Und das schon mal eine Stunde. Trotzdem muss ich mich ununterbrochen auf die Bildübertragung konzentrieren. Denn die Mutter kann ziemlich schnell ohne Vorankündigung auftauchen. Später werde ich anhand des Verhaltens der Jungen erkennen können, wenn sie im Anmarsch, oder besser: im Anflug ist.

Es kommt, wie es kommen muss: Ich habe gerade auf den Kopf eines der Jungen gezoomt, als im Hintergrund ein großer, gelber Greifvogelfuß auftaucht. Schnell zoome ich zurück. Da ist die Mama - sie hat auch gleich eine Maus mitgebracht. Leider passt der Bildausschnitt noch nicht, aber ich muss vorsichtig sein beim schwenken - daran müssen sich die Horstinsassen noch gewöhnen. Millimeterweise richte ich über die Fernsteuerung die Kamera aus. Die Mama schaut einmal her, lässt sich aber nicht stören. Wunderbar! Die erste Hürde ist genommen. Die Kamera und ihre leichten Bewegungen sind akzeptiert. Ohne weiter das Gerät zu beachten, füttert die Bussarddame ihre Kleinen.

Futter ist gerade genug vorhanden. Viele Wiesen werden gemäht. Dort finden sich Mäuse - die auch noch der Deckung beraubt sind. Die Bussardeltern brauchen nur zuzugreifen.

Nun werde ich alle paar Tage hier sein, ab und zu die am Waldrand versteckte Autobatterie wechseln, die über 50 Meter Kabel das Kamerasystem mit Strom versorgt. Zum steuern der Kamera sitze ich etwa 100 Meter vom Horstbaum entfernt. Zwischendurch kreisen die Bussarde am Himmel über mir. Doch ein Auto, was da steht, sehen sie nicht als Bedrohung an. Würde ich frei stehen, wären sie zumindest misstrauisch. Sie verlieren sich als kleine, dunkle Punkte in der Ferne.

Die Wolken sind schön, ich steige schnell mal aus, um eine Zeitrafferkamera aufzustellen. Denn im Film später brauche ich jede Menge zusätzliches Material. Nicht nur von den Bussarden, sondern auch von ihrer Umgebung. Der Welt, in der sie leben. Mit allem, was dazu gehört und rundherum passiert.

Stopp - jetzt muss ich mich konzentrieren. Gerade ist die Mutter wieder in den Horst gekommen. Vorsichtig geht sie über die Küken und setzt sich hin, um sie zu wärmen. Dabei krümmt sie die Füße zusammen, damit die Krallen die Jungen nicht verletzen. Nachdem sie es sich bequem gemacht hat, passiert wiederum - nichts. Die Uhrzeiger wandern und wandern. Zwischendurch steht Madame mal auf, dreht sich und setzt sich wieder.

Ein paar Tage später haben die Jungen schon kräftig zugelegt. Papa - ich erkenne ihn an der etwas anderen Federzeichnung der Brust, bringt mal kurz einen Buchenzwei vorbei. Das ist typisch für Bussarde. Immer wieder wird ein Zweig mit grünem Laub in den Horst gebracht. Nicht aus Dekozwecken - vielmehr wird angenommen, dass das Grünzeug der Bekämpfung von unerwünschten Mitbewohnern gilt. In so einem Horst tummelt sich so Einges, von dicken Fliegen über Milben bishin zu Federlingen.

Mitte Juni sind unter den Daunen dunkle Federn zu erkennen. Und langsam versuchen die Jungen auch mal aufzustehen - meist aber robben sie noch in der Horstmulde umher.

Wieder setzen kräftige Regenschauer ein. Wieder spielt Mama den Regenschirm.

Am nächsten Tag. Die Wolken sind weg, die Sonne lässt den nassen Wald dampfen und die Küken warten sehnlichst auf das Futtertaxi. Im Moment ist die Nahrungsbeschaffung nicht mehr so einfach. Die Wiesen wachsen wieder, haben im Regen einen tüchtigen Schub gemacht. Auch das Getreide steht hoch, der Mais ebenfalls. Die kleinen Nager zu finden, ist mühsam. Da tut es auch schon mal ein Regenwurm.

Es ist Anfang Juli. Die Jungen sitzen im Horst, und tun, was sie meistens tun: Dösen. Manchmal fallen ihnen die Augen zu. Die Müdigkeit ist ansteckend. Besonders, wenn man als Naturfilmer in den Nächten zuvor auch mit der Kamera unterwegs war.

Dann aber passiert das, worauf ich gewartet habe: Zwei Autos fahren vor, ein Seil wird in den Baum geschossen. Studenten der Universität Bielefeld sind angerückt, um die jungen Bussarde zu untersuchen und mit Flügelmarken zu versehen.

Dr. Oliver Krüger forscht seit mehr als 30 Jahren an Bussarden und förderte hochinteressante Erkenntnisse zutage. Tausende Bussarde wurden von ihm und seinen Studenten untersucht, vermessen, Blutproben genommen. Mit Flügelmarken können sie individuell erkannt werden - wie das Auto an seinem Kennzeichen. Auf einfache Weise können so ganze Lebensläufe von Bussarden verfolgt werden.

Die Nestkamera zeigt, wie sich hinten etwas bewegt. Die Jungen haben sich ganz flach auf den Boden geduckt. Dann taucht der Kopf des Studenten auf, der am Seil aufgestiegen ist. Als er die Jungen einfangen will, gegen die in Kampfposition - im Gegensatz zu den Rotmilanen wehren sie sich. Nützt aber nichts, denn mit routinierten Griffen werden sie eingefangen und in einem Sack verstaut zu Boden gelassen.

Unten folgt die Untersuchung und Anbringung der Flügelmarken. Die sind so konstruiert, dass sie nicht beim Fliegen stören und der Bussard mit ihnen auch nicht irgendwo hängen bliebt.

Dann geht es wieder aufwärts, die Jungen werden vorsichtig zurück gelegt. Und - auf besonderen Wunsch von Jörg - bekommen sie sozusagen als „Entschädigung“ eine Portion Fleisch mit ins Nest.

Die Studenten sind weg - ich bin wieder mit „meinen“ Bussarden allein. Nach 20 Minuten ist Mama da. Sie schaut erst mal ein wenig verwundert ob des neuen Schmucks der Jungen, macht sich aber dann ganz pragmatisch über das Fleisch her. Die ersten Bissen schluckt sie selbst, dann bekommen die Jungen etwas ab. Noch wollen sie gefüttert werden - Mama übernimmt Zerkleinerung und Zuteilung des Futters.

Eine Woche später erwische ich die inzwischen gar nicht mehr so Kleinen bei den ersten Flugübungen. Manchmal landet man bei den ersten Luftsprüngen auf dem Kollegen, oder steht am Horstrand und schaut mutig in die Tiefe.

Wieder bringt Mama eine Maus. Die wird der fürsorglichen Mutter recht ruppig abgenommen. Das Junge, das sie erbeutet hat, versucht mit seinem Körper und den Flügeln die Maus von dem Geschwisterchen abzuschirmen. „Manteln“ nennt sich dieses Verhalten. Von wegen brüderlich teilen oder sowas. Inzwischen klappt es auch mit dem zerlegen der Beute. Allerdings sind manchmal noch die Augen größer als der Schnabel - dann wird gewürgt, geruckelt, gezerrt und verzweifelt geschluckt, bis alles weg ist und der andere nichts mehr klauen kann.

Es wird Mitte Juli.

Huch - da fehlt einer, denke ich, als ich die Funkübertragung einschalte. Nur ein Küken sitzt im Horst. Naja, Küken… Inzwischen sind von den Daunen nur noch ein paar Exemplare übrig geblieben. Der Kleine sieht schon wie ein Bussard aus.

Ich schwenke die Kamera bis zum Anschlag, sehe einen Fuß. Direkt auf dem Aluminiumprofil, an dem die Kameraaufhängung angebracht ist. Am Fuß ist ein Bussard dran. Der hüpft in den Horst. Jetzt stimmt’s wieder. Doch immer wieder macht der Ältere Flugsprünge aus dem Horst - sein jüngeres Geschwisterchen folgt ihm.

Die Alttiere lassen sich nur noch selten blicken.

Ein paar Tage später ist der Horst leer, als ich die Kamera hochfahre. Man hört zwar noch die Rufe der Jungen irgendwo in den Baumkronen des kleinen Wäldchens, doch bei der Pirsch mit dem Teleobjektiv zeigt sich keines irgendwo auf einem Ast.

Die Saison am Horst ist beendet.

Was jetzt folgt, ist langwierige Arbeit. Die Kamera wird am Seilzugsystem herunter geholt, ausgelesen und die Filmaufnahmen gesichtet, bearbeitet, registriert und gesichtet. Vielleicht reicht die Ausbeute bereits für einen Trailer, der in den Wintermonaten zusammen geschnitten werden kann. Und im kommenden Jahr klappt es hoffentlich wieder, an einem Bussardhorst das Aufwachsen der Jungen zu beobachten.

Was ich allerdings auch noch für den Film sammeln will, sind jede Menge ungewöhnliche Geschichten über Bussarde. Beispielsweise die Seeadler, die immer wieder junge Bussarde als Futter für ihre Jungen entführt haben. Einige der Jungen haben den Raub überlebt, wuchsen im Adlerhorst mit heran.

Wer also Bussarde kennt, die irgendetwas ungewöhnliches tun, was man filmen kann, sollte sich melden - vielleicht findet die Bussardgeschichte ja Eingang in die Filmdokumentation. Die wird frühestens 2023 fertig - wenn alles gut geht…

 

Wer von interessanten Bussarden zu berichten weiß, der kann freundlicherweise unter

naturfilm(at)robinjaehne.de Kontakt aufnehmen.